Bernau Hans-Thoma-Kunstmuseum Gemaelde Hans Thoma Blick nach St. Blasien 1871.jpg
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Schaukammer, 2016, Eva Früh
NaturEnergie-Förderpreis 2018
Verleihung am 70. Hans -Thoma-Fest am 12.8.2018 an Eva Früh
bis 14.10.2018
Eva Früh: Linie. Fläche. Raum

Eva Früh: Linie. Fläche. Raum


Für das Werk von Eva Früh ist die Linie konstitutiv. Über Funktion und Bedeutung der Linie, die viel mehr zu bieten hat, als uns der lateinische Begriff linea („Strich, Richtschnur, Kante“) vermuten lässt, und die auch weit mehr ist als die kürzeste Verbindung zweier Punkte auf einer Oberfläche, können wir bei Walter Benjamin u. a. folgendes nachlesen: „Die graphische Linie ist durch den Gegensatz zur Fläche bestimmt; dieser Gegensatz hat bei ihr nicht etwa nur visuelle sondern metaphysische Bedeutung. Es ist nämlich der graphischen Linie ihr Untergrund zugeordnet. Die graphische Linie bezeichnet die Fläche und bestimmt damit diese indem sie sie sich als ihrem Untergrund zuordnet.“

Tatsächlich definiert Eva Früh mit ihrem Stift, mit den Linien, die sie dem Papier einschreibt, nicht nur Flächen, sondern generiert mit Hilfe einer in hohem Maße persönlichen „Handschrift“ konkrete Räume. Ihre Raum-Zeichnungen entstehen auf einheitlich großen Papierbögen, die die Künstlerin von Ausstellung zu Ausstellung zu neuen Assemblages anordnet und montiert, die frische Akzente setzen, jeweils neue Perspektiven eröffnen.

Eva Frühs Arbeitsinteresse gilt Raumsituationen, Arbeitswelten und öffentlichen Institutionen (u. a. einer Klinik, einem Sozialkaufhaus, einer Stasi-Zentrale, einem Technikmuseum), die ihr bislang unbekannt waren und in denen sie sich dann mit Tuschestift und Zeichenblock mehrere Wochen lang aufhält, um sie zu erkunden: Sehr genau folgt sie den visuellen und semantischen Kanten des jeweiligen Raums. Auf diese Weise entstehen genaue Porträts unserer Gegenwart. Mit Hilfe ihres Kunstverstands und ihres großen handwerklichen Könnens vermittelt die Künstlerin Einblicke in eine Welt, die nicht zuletzt durch verschiedene Berufsfelder, ihre optischen Erkennungsmarken, Zeichensysteme und Räume zu erschließen ist. Eva Frühs Schaffen zeichnet sich gleichermaßen durch Sachlichkeit und eine hohe ästhetische Anmutung aus.

Eva Früh wurde 1969 in Freiburg im Breisgau geboren. Sie studierte von 2001 bis 2004 an der Kunstakademie Basel bei Olga Allenstein und Jan Kolata. Seit 2014 ist sie Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg. Sie hat ihre Arbeiten bereits in zahlreichen Ausstellungen in Deutschland und der Schweiz gezeigt. Eva Früh lebt und arbeitet in Waldshut-Tiengen und Berlin.

Dr. Jürgen Glocker
 
Jardin des Tours
Kleine Festung Europa
vom 21. Oktober 2018 bis 6. Januar 2019
Objekte und Zeichnungen von Reinhold Ulmschneider
Reinhold Ulmschneiders Bildsprache ist unübersehbar die Welt der Architektur, die fast eine untrennbare Symbiose mit der Natur eingeht. Das Hauptmaterial des Rotweiler Künstlers ist banaler Verpackungskarton, der virtuose Verwandlung und Veredeleung erfährt und sich mit ausgemusterten Naturmaterialien wie Rind, Wurzel, Sand und Pflanzenfossilien harmonisch und kontrastreich zugleich paart. So entstehen Miniaturen, die zu Bühnen und Kulissen werden für Erlebnisräume bei Künstler und Betrachter gleichermaßen, die blitzartig aus der Alltagswahrnehmung entführen können.
 
Günter Wagner-Labyrinth (C) Michaelsen
Günter Wagner - Labyrinth
vom 20.1.2019 - 31.3.2019
Günter Wagners Arbeiten sprechen sowohl das ästhetische Empfinden als auch den Intellekt an, fordern den Betrachter zur Kontemplation und Reflexion heraus. Als erstes sticht der Reiz des sorgfältig bearbeiteten Materials ins Auge: patiniertes Gusseisen, sandgestrahltes Glas, ferrisierte Keramik, plastische Steinreliefs, lebendig gemusterter, rauer Granit und glatte Spiegelflächen. Das Wechselspiel der Materialien mit ihren gegensätzlichen Wirkweisen – warm und kalt, kompakt und durchscheinend, leicht und schwer, naturhaft belassen und exakt geformt – und das Arbeiten in Gegensätzen sind von jeher ein Charakteristikum im Schaffen des Künstlers. Günter Wagner ist aber auch ein intellektueller Künstler, für den der Mensch zwar nicht in figürlicher Darstellung aber als unmittelbarer Bezugspunkt seines Schaffens präsent ist. Das Thema „Labyrinthe“, mit dem er sich seit einigen Jahren immer wieder auseinandersetzt, ist hierfür ein gutes Beispiel. Es kreist um ein Urbild des Menschen, das Ausdruck seiner geistigen Orientierung in der Welt aber auch seines unbedarften Spieltriebs ist, seiner Lust am Verwirren aber auch der Angst vor dem Irren. Ein Symbol der Sinnsuche menschlicher Existenz allgemein und des unüberschaubaren individuellen Lebenswegs im Speziellen.
Martina Wehlte
 
Rabe
Floras Fauna. Einladung zur Beschäftigung mit einem faszinierenden Werk
14.4.2019 - 28.7.2019


Paul Flora war einer der wichtigsten Zeichner und Karikaturisten des 20. Jahrhunderts. Wer kennt sie nicht: seine rabenschwarzen Raben, all die Vögel, Katzen und Kentauren, seine venezianischen Vedouten, die bisweilen an die düsteren Visionen eines Wolfgang Hildesheimer oder eines Thomas Mann erinnern, die mit dünnem oder dickem Strich porträtierten Pestärzte, Tiroler, Maskenträger, Fahrradfahrer und Skipioniere, seine burlesken Architekturphantasien, die auf anmutige Weise melancholischen Landschaften. Floras Werke scheinen uns in ferne fiktionale Welten entführen zu wollen – und halten uns doch zugleich den Spiegel vor.

1922 im südtirolischen Glurns geboren, hätte Paul Flora mit Sicherheit das Gymnasium seiner Vaterstadt besucht, „hätte seine Vaterstadt über ein solches verfügt“, wie Hildesheimer einmal schmunzelnd schrieb. So wurde es das Gymnasium von Innsbruck, an dem man Floras stupende Begabung schnell erkannte. Mit den gymnasialen Lehrinhalten hatte sie freilich wenig nur zu tun. Über jene Zeit sagte Flora selbst: „Mein Desinteresse an der Schule war kaum zu übertreffen, aber immerhin habe ich die Matura gemacht. Die politischen Verhältnisse waren unerfreulich ...“ Selbst die Münchener Kunstakademie aber „hat bei dem robusten Tiroler kein bleibendes Trauma hinterlassen“ (Hildesheimer).

Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich dann nach und nach das Werk, kam der Erfolg: erste Einzelausstellungen ab 1947 in Österreich, bald auch in Deutschland, etwas später Buch um Buch im Zürcher Diogenes Verlag, ab 1957 vierzehn Jahre lang politischer Karikaturist für die Wochenzeitung DIE ZEIT – mit Nachdrucken im Observer, Dagens Nyheter, Zürcher Tages-Anzeiger, in der New York Times u.v.a. Daneben und danach: Zeichnen, zeichnen, zeichnen. Nach einem langen Leben voller Vergnügen an der Kunst starb Paul Flora vor zehn Jahren, am 15. Mai 2009. Die Bernauer Präsentation bietet die Möglichkeit zur Wiederbegegnung mit einem Zeichner von internationalem Rang.

Dr. Jürgen Glocker
 
Hans Thoma Preis 2019