Aufbau von TRIALOG mit Margret Köpfer, Christel A. Steier und Werke von Kolibri (c) Hans-Thoma-Museum
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Karl Biese (C) HTK
Zurück ins Rampenlicht

Gemälde aus einer süddeutschen Privatsammlung


Die neue Sonderausstellung, die man getrost als „das“ Kunstereignis der Hochschwarzwälder Wintersaison ansprechen kann, macht Kunst sichtbar, rückt solche Kunstwerke ins Rampenlicht, die die Öffentlichkeit sonst nicht zu Gesicht bekommt, weil sie normalerweise in den Privaträumen eines Sammlerehepaars hängen. Die Bernauer Präsentation hat aber noch mehr zu bieten. Sie erläutert beiläufig eine schöne Passion, eine Leidenschaft. Das Sammeln von Kunst kann in gewisser Weise „Leid“ hervorrufen, Leiden schaffen, vor allem dann, wenn es einmal nicht gelingt, ein Objekt der Begierde zu erreichen. Das wichtigste Werk ist, wie jeder echte Sammler nur zu gut weiß, stets jenes, das man noch nicht besitzt.

Unsichtbare Schätze werden erschlossen

Sammeln vermag freilich auch die Ursache für größte Freude zu sein, wenn beispielsweise der Bestand an Bildern nach und nach erweitert und abgerundet werden kann. Oder wenn ein Teil des eigenen Sammlungsbestandes für einen begrenzten Zeitraum in einem öffentlichen Museum zu sehen ist und so, neu gehängt in neutralen Räumen, in einem gänzlich anderen Licht erscheint. Mindestens ebenso groß ist die Freude in einem solchen Fall allerdings auch für alle Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, die in den Genuss von Werken kommen, die normalerweise nicht betrachtet werden können.

Die Sammlung Beringer / Hoffmann, die nun in Teilen im Hans-Thoma-Kunstmuseum Bernau ausgestellt wird, besitzt zudem große Qualität und ein klares Profil. Außerdem ist sie erstklassig gepflegt und befindet sich in einem konservatorischen Zustand, wie er selbst in staatlichen und kommunalen Häusern nur selten anzutreffen ist. Sie widmet sich der sogenannten „anderen Moderne“, wendet sich also südwestdeutschen und schweizerischen Künstlern zu, die weder zur Avantgarde gehörten noch der Abstraktion den Weg bereiteten. Unter anderem konzentriert sich die große Bernauer Ausstellung auf Werke von Karl Bartels, Hans Brasch, Julius Heffner, Adolf Hildenbrand, Hans Lembke, Emil Lugo und Hans Sturzenegger. Erst mit diesen und manchen anderen Künstlerinnen und Künstlern gewinnt man einen unverfälschten Blick auf die „Moderne“ mit all ihrer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Präsentation gibt Einblick in die Kunst des Produzierens, des Sammelns und Bewahrens. Sie ist ein Fest fürs Auge!

Dr. Jürgen Glocker
 
Ökijig (C) U. Ottinger, 1991
Interkontinentale Begegnungen:
Ulrike Ottinger trifft Hans Thoma

Von Jürgen Glocker
Bernau. Kunst öffnet Augen. Sie öffnet Räume. Und sie vermag auch Zeiträume zu erschließen. Das dürfen wir derzeit einmal mehr auf eindrückliche Weise im Hans-Thoma-Kunstmuseum erleben, in dem noch bis zum 17. Oktober die große Ausstellung der aktuellen Thoma-Preisträgerin Ulrike Ottinger zu sehen und zu bestaunen ist. Die vielfach ausgezeichnete Filmemacherin, Malerin und Fotografin führt uns dort durch die mythische Welt von „Mongolia-Mexico-Europa“ und macht sinnfällig, dass es gerade die Mythen sind, die, trotz aller geografischen Distanz, Nähe und Verbindung zwischen den Erdteilen herstellen. So ist es nur folgerichtig, dass Ulrike Ottinger ihre Ausstellung und den ebenfalls empfehlenswerten Katalog unter folgendes Motto des Kunsthistorikers Aby Warburg gestellt hat: „Es ist ein altes Buch zu blättern, / Athen-Oraibi alles Vettern.“
Zwei Frauen
Etwas Anderes kommt hinzu. Da das Bernauer Kunstmuseum nicht nur die Möglichkeit besitzt, große Wechselausstellungen zu präsentieren, sondern unter anderem auch über eine umfangreiche Dauerausstellung zum Werk von Hans Thoma verfügt, ermöglicht das Haus noch zahlreiche andere Brückenschläge als jene zwischen Mexico und der Mongolei, Blicke auf andere „Vettern“ beziehungsweise Cousinen. Man muss dazu lediglich ein wenig zwischen den einzelnen Museumsabteilungen hin- und herpendeln.
Ulrike Ottinger zeigt uns zum Beispiel die Porträtfotografie einer alten Mongolin, die sie auf einer ihrer vielen Reisen in ferne Länder geschaffen hat. Die Frau sitzt auf einem Stuhl vor einer Holzhütte. Sie trägt eine Mütze, Fellschuhe, einen schmutzigen Deel (traditionelles Oberkleid) und hält sich an einem Holzstock fest. Ihr Gesicht ist wettergegerbt und von zahllosen Falten geprägt. Sie schaut an der Kamera vorbei – und scheint zu lächeln. Ruhe und Gelassenheit gehen von ihr aus.
In der Thoma-Ausstellung treffen wir unter anderem auf ein Bildnis von Hans Thomas Mutter aus dem Jahr 1886. Da war Rosa Thoma bereits über achtzig Jahre alt. Sie hatte über lange Zeit ein entbehrungsreiches Leben geführt. Das sieht man der Porträtierten an. Nach dem frühen Tod ihres Erstgeborenen Hilarius und dem Tod ihres Mannes nur drei Jahre später waren sie und ihre beiden noch lebenden Kinder ganz auf sich gestellt und mussten die Erfahrung von Not und Armut machen. Trotz allem gelang es Rosa Thoma, die schon früh erkennbare künstlerische Begabung ihres Sohnes Johannes nach Kräften zu fördern. Im Rückblick stellte der Künstler lapidar fest: „Obgleich in Armut aufgewachsen, war ich dennoch verwöhnt.“
Es überrascht nicht, dass das Gesicht der alten Rosa Thoma, ähnlich wie das der Mongolin, von Falten gezeichnet ist. Ihre Hände vermitteln einen zwar gepflegten, aber abgearbeiteten Eindruck. Auch die Mutter wirkt ruhig und gelassen. Gleichwohl werden Unterschiede deutlich: Rosa Thomas Mund ist geschlossen, sie lächelt nicht. Sie trägt ein schwarzes Kleid, ein gleichfalls schwarzes Kopftuch und hält ein Buch mit rotem Kopfschnitt in Händen, sehr wahrscheinlich die Bibel. Der Band ist nicht nur als farblicher Kontrapunkt für die Komposition von eminenter Bedeutung. Als modernes ‚Requisit‘ liegt neben der Porträtierten eine blinkende Brille auf dem Tisch. Rosa Thoma lebt längst in gesicherten Verhältnissen.
Das Alter ist und bleibt das Alter. Aber es erscheint in unterschiedlichen Gesichtern, in verschiedenen Ausprägungen. Je nach Kontinent, Kultur, Lebensumständen und Zeit. Leben ereignet sich nicht von selbst. Es wird gestaltet. Politisch und privat. Auch daran erinnern uns die äußerst sehenswerten Ausstellungen des Bernauer Kunstmuseums.
 
Zelt (C) Ulrike Ottinger
Von Jürgen Glocker


Bernau- Obdachlosigkeit ist ein schlimmes Schicksal. Denn alle, die, aus welchen Gründen auch immer, den Unbilden des Klimas und des Wetters, Hitze, Kälte, Sturm, Regen und Schnee schutzlos ausgeliefert sind, die keinen persönlichen Rückzugsort besitzen, an dem sie und ihre Familie, ungestört und unbehelligt von anderen, leben können, sind Gefahren und Gefährdungen aller Art ausgesetzt. Vom Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) und seinen Weiterungen muss da noch lange nicht die Rede sein. Es ist gut zu wissen, dass das Wort „Haus“ auf eine indoeuropäische Wurzel mit der Grundbedeutung „Bedeckung, Umhüllung“ zurückgeht. Vor diesem Hintergrund müssen beispielsweise die zahlreichen Gemälde von Horst Antes gesehen werden, die ein schützendes, Obdach bietendes Gebäude in den Blick rücken. Oder man denkt an Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbsttag“: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Ein geschütztes Leben: Das ist ein hohes Gut.

Haus oder Jurte

In diesem Kontext ist auch das Bild „In Bernau Dorf“ zu deuten, eine frühe Arbeit Hans Thomas, die er im Jahr 1859, noch vor dem Eintritt in die Karlsruher Kunsthochschule, angefertigt hat. Das Gemälde zeigt ein Schwarzwaldhaus und seine Besitzer vor der Eingangsfront, genauer gesagt: das Elternhaus von Veronika Schmidt, der Ehefrau seines Lehrers Markus Stöhr. Thoma hat es ganz offensichtlich voller Bewunderung wahrgenommen, denn er war in eine arme Familie hineingeboren worden. Es dauerte lange, sehr lange sogar, bis er sich ein Haus bauen konnte. Gleichwohl musste er nie auf ein schützendes Obdach verzichten.

Dass eine Behausung, die Schutz bietet, auch für Menschen von hoher Bedeutung ist, die kein sesshaftes Leben führen und in einer entsprechenden Kultur leben, macht die Ausstellung der diesjährigen Hans-Thoma-Preisträgerin Ulrike Ottinger im Bernauer Kunstmuseum noch bis zum 14. November deutlich. Denn dort ist unter anderem eine Fotografie zu sehen, die ein betagtes mongolisches Paar in traditioneller Kleidung vor einer Jurte, ihrem Heim, zeigt. Die parallele Struktur der beiden Bilder springt, bei aller motivischen Distanz, ins Auge und hätte den kunsthistorischen Raum- und Zeitüberwinder Aby Warburg mit Sicherheit gefreut. Das Wort „Jurte“ geht zurück auf russisch-türkische Wurzeln mit Bedeutungen wie „Besitztum, Haus, Wohnung, Heimat“. Die Fotografin und Künstlerin Ulrike Ottinger zeigt uns, wie verschieden sie aussehen können: Schutz, Heim und Heimat.

Die Ausstellung der Thoma-Preisträgerin und der begleitende Katalog laden zu den unterschiedlichsten kulturhistorischen Exkursionen ein. Und sie regen auch dazu an, die Thoma-Abteilung neu in den Blick zu nehmen. Das Bernauer Museum demonstriert einmal mehr, dass hohe künstlerische Qualität und eine professionelle Präsentation große Freude machen können.